1. Wie erklären wir Schmerzen?

 

Erfahrung, Systematisierung, Weiterentwicklung: Mit diesen drei Schlagworten lässt sich die Ausdifferenzierung der Schmerztheorie und Schmerztherapie nach Liebscher & Bracht und gleichzeitig Rolands Werdegang seit Mitte der 1980er Jahre kennzeichnen. Unserem Schmerz-Erklärungsmodell ging und geht es darum, schmerzverstärkende und schmerzlindernde Faktoren logisch nachvollziehbar herauszuarbeiten.

Richtig ist, dass sich für Schmerzpatienten infrastrukturell in den letzten Jahrzehnten viel getan hat. In jeder größeren Stadt gibt es mittlerweile ein Schmerzzentrum und/oder eigene Schmerzambulanzen in Kliniken. Betroffene werden dort im Bedarfsfall über mehrere Wochen stationär aufgenommen und nach einem multimodalen schmerztherapeutischen Ansatz behandelt. Regelmäßig stattfindende Schmerzkonferenzen bringen Teams aus Schmerzexperten, Psychologen und Vertretern anderer Fachdisziplinen zusammen, um den Austausch über sinnvolle Behandlungskonzepte interdisziplinär zu gewährleisten.

Obwohl Schmerzen damit dank Schmerzzentren und Schmerzmedizin längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen sind, bleiben gravierende Ungereimtheiten in der herkömmlichen Schmerztherapie bestehen, mitunter sogar offene Widersprüche – multimodaler Ansatz hin oder her:

  • Wie kann es Schmerzen geben, ohne dass damit in Verbindung stehende Strukturen im Körper geschädigt sind: Chronische Knieschmerzen ohne Schädigung des Gelenkknorpels am Knie? Jahrelange Rückenschmerzen ohne Schäden an Wirbelkörpern oder Bandscheiben?
  • Wie ist es umgekehrt möglich, dass Patienten trotz diagnostizierter Schäden an Gelenken über keinerlei Schmerzen klagen: Eine ausgeprägte Gonarthrose ohne Knieschmerzen? Ein Prolaps ohne Kreuzschmerzen?
  • Und warum leiden so viele Menschen nach einer Arthroskopie oder trotz künstlicher Gelenke unter denselben Schmerzen an Knie oder Hüfte wie vor der Operation?

Die Antwort auf all diese Fragen berührt den Charakter und die Funktion der Schmerzen selbst. Und sie kann mit dem schmerztherapeutischen Ansatz von Liebscher & Bracht gefunden werden. Unsere Erfahrung zeigt nämlich ganz klar:

Nicht die Schädigung der Struktur löst in den allermeisten Fällen die Schmerzen aus, sondern muskulär-fasziale Überspannungen, auf die der Körper mit einem Schmerzsignal reagiert. Diese Schmerzen, die im Gehirn entstehen, bezeichnen wir als Alarmschmerzen. Bei über 90 Prozent der heute auftretenden Schmerzzustände und Schmerzkrankheiten handelt es sich um solche Alarmschmerzen. Durch Auslösen des Schmerzes werden Bewegungen verhindert, die (weitere) Schäden hervorrufen könnten.

Dieses Schmerzverständnis betrifft übrigens die vielfältigsten Krankheitsbilder und „chronischen Schmerzkrankheiten“: Kopfschmerzen und Migräne genauso wie Impingement-Syndrome der Schulter, Wirbelgleiten, Schmerzen bei Spinalkanalstenose und Beinlängenunterschiede, Bandscheibenvorfälle und ISG-Schmerzen, Arthrose, Knieschmerzen, Achillessehnenreizungen, Fersensporne, Fibromyalgie und sämtliche Schmerzen, die mit „Nervenreizungen, Entzündungen, dem Schmerzgedächtnis, Chronifizierung oder der Psyche angeblich „austherapierter“ Patienten in Zusammenhang gebracht werden.“ 1)

Muskulär-fasziale Überspannungen

 

Gehen wir bei der Erklärung von Alarmschmerzen jetzt noch einen Schritt zurück. Wie Sie bestimmt wissen, setzen Muskeln und Faszien die Knochen unserer Gelenke über Zugspannungen aktiv oder passiv in Bewegung. Dazu muss der antagonistische Muskel jeweils nachgeben. Um den Verschleiß bei der entstehenden Bewegung möglichst gering zu halten, erzeugt das Bewegungszentrum des Gehirns in den Basalganglien (ein Teil des limbischen Systems) eine sogenannte Steuerspannung. Diese Steuerspannung verändert sich in jeder Sekunde unseres Lebens und wird maßgeblich von unserem individuellen Bewegungsprofil beeinflusst.

Je einseitiger nun die Bewegungsmuster eines Menschen werden und je weniger diese Einseitigkeit ausgeglichen wird, umso größer fällt die Spannung aus, mit der die Struktur vom Gehirn angesteuert wird. Bewegt man seine Gelenke also nicht mehr in ihrem vollen, genetisch festgelegten Bewegungsausmaß, bauen sich im Zeitverlauf unphysiologisch große Spannungen auf. Bei Liebscher & Bracht sprechen wir in diesem Zusammenhang von muskulär-faszialen Überspannungen. Erhöhter Gelenkverschleiß und Schmerzen im Bewegungsapparat sind die spür -und zum Teil sichtbaren Folgen solcher Fehlspannungen.Engwinkelige Bewegungen und einwinkelige Positionen

Die angesprochenen Einseitigkeiten im 24-stündigen Bewegungsprofil eines Menschen können sich in zwei Varianten manifestieren: in engwinkeligen Bewegungen und in einwinkeligen Positionen.

Engwinkelige Bewegungen: Gemeint ist hier eine Bewegungsführung, die nur einen kleinen Bereich des naturgegebenen Bewegungspozenzials von Gelenken nutzt – zu Beginn ausgelöst durch Hobby, Sport oder Beruf. Als typisches Beispiel gelten Bürotätigkeiten wie das Tippen auf der Tastatur, bei dem die Finger- und Handgelenkbeuger dauerhaft einseitig bewegt werden. Das Problem daran: Der Körper ist faul. Ihm geht es vor allem darum, ökonomisch zu arbeiten.

„Bei Bewegungen, die häufig ausgeführt werden, wird eine erhöhte Vorspannung in die jeweiligen Muskelfasern geschaltet. Nach jeder Kontraktion verbleibt eine sog. Restkontraktion, die in den Basalganglien abgebildet wird.“ 2) Summieren sich die Restkontraktionen durch wiederholte Bewegungen auf, steigt auch die Vorspannung in der Muskulatur immer weiter an.

Es folgt eine Anpassung der Faszienstruktur. Aus der Faszienforschung wissen wir inzwischen, das die Fibroblasten die Faszie in solchen Fallen kürzer weben, wodurch sie zunehmend verfilzt. Agonistische und antagonistische Spannungen „schaukeln“ sich schließlich wechselseitig hoch – so weit, bis die Biomechanik der Gelenke mit Muskeln, Sehnen und Bändern durch die immensen Zugspannungen und Druckbelastungen leidet.


Einwinkelige Positionen: Diese Ursache muskulär-faszialer Fehlspannungen betrifft eher ganze Körperbereiche. Werden Gelenke über lange Zeit ohne den nötigen Ausgleich in fixierten Winkeln positioniert, kommt es auch hier zum bereits erwähnten Umbau des Faszien-Netzwerks. Als lebendiges System, werden Faszien bei Nichtbelastung so umstrukturiert, dass sie tendenziell immer kürzer werden.

„Die Fibroblasten weben die Faszie […] in eine immer unflexiblere Geometrie der Verfilzung.“ 3)

Insbesondere durch häufiges Sitzen nehmen Zugspannungen zur Beugung des Rumpfes auf diese Weise zu. Der Körper wird „wie von Geisterhand“ nach vorne gezogen und verlangt von den beteiligten Streckmuskeln beim Aufrichten eine immer größere Kraft zur Gegenspannung. In unserem Beispiel verkrampfen schließlich die Rücken- und Hüftstrecker in ihrer Überlastung. An der Wirbelsäule wird nun von zwei Seiten gezogen, wodurch die Druckkraft auf die Bandscheiben unnatürlich hoch ansteigt.

Die Rolle der Alarmschmerzen

 

Wie kommt es nun aufgrund der entstandenen muskulär-faszialen Überspannungen zu Schmerzen? Das Schmerzverständnis nach Liebscher & Bracht geht davon aus, dass bestimmte Rezeptoren an der Knochenhaut die Spannungsverhältnisse rund um die Gelenke jederzeit genau messen. Die Messergebnisse senden diese sog. „interstitiellen“ Rezeptoren an das Gehirn. Dort ist im periaquäduktalen Grau (PAG), das sich permanent mit den Basalganglien austauscht, ein „Alarmschmerzprogramm“ installiert. Es wird aktiviert, sobald die von den Rezeptoren gemessene Spannung seitens der beteiligten Hirnareale als zu hoch ermittelt wurde – der Verschleiß der Gelenke ist größer ist als die Reparaturfähigkeit des Körpers.

Aktiviert bedeutet: Das Alarmschmerzprogramm projiziert nun einen Schmerz in den Körper – und zwar exakt in die Körperregion, in der das Ausführen einer bestimmten Bewegung zur Schädigung der dort sitzenden Struktur führen könnte. Sind beispielsweise die Bandscheiben massiv bedroht, werden die Rückenstrecker beim Versuch des Aufrichtens in der Kontraktion gestoppt (Hexenschuss).

Der Schmerz als Symptom erfüllt die Funktion eines körpereigenen Warnsignals, das den Patienten vor (weiterer) Gefahr schützen soll.

Damit wird klar: Verschleiß ist unserer Erfahrung nach abhängig von den muskulär-faszialen Überspannungen rund um das betroffene Gelenk – nicht vom Alter oder einer überhöhten Beanspruchung. Zugleich existieren Alarmschmerzen unabhängig von möglicherweise geschädigten Strukturen und können deshalb auch trotz Schädigung abgestellt werden.

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